Was ist ein Katalog 2.0? — Versuch einer Definition

Vielerorts engagieren sich BibliothekarInnen und EntwicklerInnen mit dem Ziel, Bibliothekskataloge zu webtauglichen, offenen Plattformen des Entdeckens und Bearbeitens von Informationen zu machen. Einen raschen Überblick dazu bietet die Seite “Katalog 2.0″ im netbib-Wiki von Anne Christensen und anderen; ausführlich wird dies von Fabienne Kneifel in ihrem Buch Mit Web 2.0 zum Online-Katalog der nächsten Generation behandelt. Fabienne deutet bereits in ihrem Buchtitel an, daß diesem Tier schon viele Namen gegeben worden sind. So ist im englischsprachigen Raum meist vom Next Generation Catalog (NGC) die Rede, in Deutschland manchmal auch vom Katalog 2.0. Doch wie genau ist NGC oder Katalog 2.0 zu definieren? Das bin ich vor drei Tagen auf Formspring gefragt worden. Hier meine Antwort.

Von einem Katalog 2.0 (bzw. Katalog neuer Generation) kann man sprechen, wenn folgende vier Kriterien erfüllt sind:

1. Er entspricht den Standards und Konventionen des Webs („Web 1.0-kompatibel“).

Am Beispiel Zustandslosigkeit der Suchvorgänge: In der URL eines angezeigten Buchtitels sollte eindeutig codiert sein, welcher Buchtitel hier gerade in welcher Weise repräsentiert wird. Diese ist Voraussetzung für das Bookmarken, Verschicken per Mail etc. —  und es ist im Web bereits seit über zehn Jahren ein verbreiteter Standard. Die allermeisten deutschen Bibliothekskataloge können das bis auf den heutigen Tag noch nicht.

2. Er vermittelt Freude am Entdecken von Informationen.

Über das präzise und vollständige Durchsuchen einer existierenden Sammlung hinaus sollte der Katalog als Anwendung den Spaß und die Fülle des Stöberns im Material, des assoziativen Entdeckens und – soweit möglich – Online-Benutzens vermitteln. Der ideale Katalog vertieft sich ins Web (siehe Kriterium 1), um mit dessen neuen Möglichkeiten in große Fußstapfen zu treten – insbesondere die des physischen Lesesaals und des offenen Regals, an dem sich endlos „browsen“ läßt, und in dem sich auch dasjenige finden läßt, wonach man nicht gesucht hatte („Serendipity“).

3. Er ist Infrastruktur für eine aktive Mediennutzung.

Informationsbenutzung ist ein aktives, veränderndes Geschehen — erst recht, wenn die Informationen online zur Verfügung stehen. Informationsbenutzer stellen Informationsschnipsel zusammen, sortieren und annotieren sie, mischen sie neu ab mit eigenem Material sowie Material aus anderen Quellen, und sie tun das privat, öffentlich, allein, in kleinen, geschlossenen oder großen, offenen Gruppen, etc. Der Katalog trägt dem Rechnung, indem er entweder selbst zur Online-Plattform wird (etwa nach dem Modell von Flickr, LibraryThing oder CiteULike), oder indem er zumindest Schnittstellen zu einschlägigen Werkzeugen und Plattformen anbietet.

4. Er erschließt die digitale Allmende und ist deren Bestandteil.

a) Im Katalog sollte nicht länger ausschließlich dasjenige zu entdecken sein, was Bestandteil einer bestimmten Sammlung physischer Informationsträger oder digitaler Lizenzen ist. Positives Beispiel ist hier die Einbindung von Wikipedia-Artikeln durch die SeeAlso-Schnittstelle in mittlerweile vielen Bibliothekskatalogen.

b) „…und ist deren Bestandteil“: Alle Daten im Katalog sollten sich sowohl einzeln als auch in großen Mengen herauskopieren und remixen lassen — undzwar unter technisch einfachen und rechtlich transparenten Bedingungen. (Letzteres vorzugsweise durch eine CC-Zero-Lizenz). Dies ist die Basis für jene „User Innovation“, die das Web kontinuierlich vorantreibt. Die Prämisse für diese Art der Innovation lautet: Benutzern des Katalogs werden neue, nützliche und überraschende Anwendungen für die darin enthaltenen Daten einfallen, die weder den Entwicklern noch den Betreibern des Katalogs je in den Sinn gekommen wären. Eine nachhaltige, technisch optimierte Grundlage für diese Art der Innovation kommt mit dem Semantic Web, quasi dem „Katalog 3.0“; vgl. den folgenden Punkt.

5. Als „Katalog 3.0“ bietet er Linkziele entsprechend dem Konzept von Linked Open Data (LOD) an

…und nutzt bestehende Linkziele aus der LOD-Cloud, sowie bestehende Ontologien zur Strukturierung der Katalogdatensätze in sich sowie untereinander.

3 responses to “Was ist ein Katalog 2.0? — Versuch einer Definition”

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