Im Blog des InfoCamp Chur 2012 (#icamp12) hatte ich vor ein paar Wochen eine Session über Beratung für WissenschaftsautorInnen an Bibliotheken und Informationseinrichtungen angekündigt. Die Session fand als Teil dieser hochinteressanten Unkonferenz (vgl. auch den Bericht auf der Website der HTW, sowie einen weiteren Bericht im Blog von Rudolf Mumenthaler) statt und wurde — wenngleich leider nicht zum zuvor angekündigten Zeitpunkt — unter reger virtueller Beteiligung als Live-Videostream übertragen.
- Video-Aufzeichnung des Workshops: http://www.ustream.tv/recorded/25263047 (Insgesamt 75 Minuten; mein Intro von 03:45 bis 09:45.)
- Zusammenfassung im Schlußplenum des InfoCamps: http://www.ustream.tv/recorded/25264500 (Schlußplenum insgesamt 27 Minuten; Abschnitt zum Publikationsberatungs-Workshop von 05:00 bis 13:50.)
Im Workshop haben wir einige grundlegende Voraussetzungen für eine effektive Information und Beratung von Autoren durch eine wissenschaftliche Bibliothek / Informationseinrichtung diskutiert, die ich im folgenden thesenhaft aufzähle:
- Die vielleicht wichtigste Voraussetzung: Vertrauen. Dieses Vertrauen kann und muß durch vielfältige Kontakte und Kooperationen mit den WissenschaftlerInnen vor Ort erworben und ausgebaut werden. Aufgrund der an Wissenschaftseinrichtungen typisch gewordenen hohen Fluktuation bleibt diese Vernetzung eine Daueraufgabe.
- Damit Vernetzung gelingt, ist Leidenschaft für eine solche soziale Interaktion gefragt — und der Freiraum, dieser Leidenschaft zu folgen, was also eine Anforderung an die Leitung der Informationseinrichtung ist.
- Wir konnten mindestens zwei relevante Zielgruppen bei der Vernetzung mit und in einer typischen Fakultät identifizieren:
- ProfessorInnen. Sie sind mit ihrem eigenen Publikationsverhalten Rollenmodelle der Studierenden und des wissenschaftlichen Nachwuchses. Darüber hinaus sind sie die wichtigsten Kommunikatoren und Multiplikatoren des Wissens über das digitale Publizieren. Was sie wissen wird sich leichter als Wissen an der Hochschule verbreiten; sie selbst müssen eine aktive Rolle einnehmen. Workshops zum Beispiel für neuberufene ProfessorInnen können für BibliothekarInnen oder andere InformationsspezialistInnen eine Gelegenheit sein, diese Zielgruppe zu erreichen. Bestimmte Dienstleistungen wie Open Access Publikationsfonds sind gerade auch für diese Zielgruppe von besonderem Interesse.
- “Lead User”. Diese finden sich oft (aber nicht ausschließlich) unter den NachwuchswissenschaftlerInnen. Für diese ist die Orientierung in der sich immer rascher wandelnden, komplexer werdenden Publikationslandschaft unmittelbar eine Frage des Karrierepfads, den sie als ForscherIn selbst beschreiten wollen. (Oder wollen müssen.) Einige aus der Generation des jetzigen wissenschaftlichen Nachwuchses sind ohnehin offen gegenüber den Möglichkeiten des Netzes. Was also läge näher, diese neuen Möglichkeiten mit ihnen gemeinsam zu erkunden? Dabei geht es dann nicht nur um Beratung im engeren Sinne, sondern auch um Feedback für die (Weiter-)Entwicklung von Publikationsdiensten, die wir als Bibliothek / Informationseinrichtung selbst anbieten, etwa Repositories.
- Relevante und aktuelle Orientierung in der sich wandelnden digitalen wissenschaftlichen Publikationslandschaft anzubieten, sogar beratend eine individuelle Strategie finden zu helfen, setzt ein aktuelles, breites Wissen über diese Landschaft voraus. Auch hier gilt: Ohne Leidenschaft für das Thema, und ohne den Freiraum innerhalb der Organisation, dieser Leidenschaft auch zu folgen (zum Beispiel die Open Access Tage am 26.-27.9.2012 in Wien zu besuchen!) geht es nicht.
- Um WissenschaftsautorInnen gut zu beraten braucht man sich (selbstverständlich) nicht auf deren fachlichen Wissensstand zu befinden. Allerdings sollte man zumindest die Besonderheiten der jeweiligen fachlichen Publikationskultur verstehen. Und von besonders großem Vorteil ist es, selbst zu publizieren, oder zumindest mal publiziert zu haben. — Diese Erfahrung wirkt sich auf verschiedenen Ebenen aus: Sie läßt uns als BeraterInnen besser verstehen, worum es überhaupt geht. Sie hilft, einen falschen Respekt vor Titeln oder sonstigen Zutaten akademischer Anerkennung gar nicht erst aufkommen zu lassen. Und, last not least, macht es die/den Publikationsberatenden zum Teil einer kompetenten Wissensgemeinschaft, die sich wechselseitig weiterbringt.
- Der zuletzt genannte Vorteil gilt insbesondere für die aktive Teilnahme an der informellen Fachkommunikation im Web. Dort werden relevante Fragen des wissenschaftlichen Publizierens im Spiegel aktueller Entwicklungen reflektiert und diskutiert. Gerade Blogs sind in diesem Themenbereich nicht mehr wegzudenken. (Wahllos drei Beispiele aus den letzten Monaten herausgegriffen: Jonathan Eisen über Peer Review; Martin Fenner über Nutzungsstatistik für Zeitschriftenartikel; Heinz Pampel im oben genannten Blogposting über die Open Access Tage 2012 in Wien.)
- Beratung kann und muß nicht perfekt sein. Anne Christensen hatte auf allgemeiner Ebene darauf hingewiesen: Letztgültige Sicherheit ist in den unordentlich-unübersichtlichen Informationslandschaften des Webs nicht mehr zu haben. Erstrebenswert ist vielmehr eine informierte und aktuelle Beratung, die, um es in den Worten des am #iCamp12 teilnehmenden Wissenschaftlers Arno Bosse zu formulieren, “good enough” ist.
- Beratung sollte aber nicht nur auf dem umfassenden, aktuellen Informationsstand des Beraters beruhen. Wenn Beratende die Entwicklung der Publikationslandschaft selbst leidenschaftlich (These 2) und aktiv (Thesen 5 und 6) verfolgen, dann heißt das vielmehr auch: Die Themen sind ihnen nicht gleichgültig. Sie unterscheiden zwischen relevant und irrelevant, letztlich auch zwischen richtig und falsch, kurz gesagt: Sie beraten parteiisch — aber in einer transparent, nachvollziehbar belegten Art und Weise. Die Erfahrung zeigt: WissenschaftlerInnen freuen sich, wenn man ihnen z.B. auch mal aktiv vom Veröffentlichen in einem bestimmten Verlag bzw. einem bestimmten Jorunal abrät. Es wird seinen Grund haben, dass z.B. dieser Artikel Spitzenreiter in den Aufrufzahlen des TIB Blogs ist.
- Daraus ergibt sich nach Einschätzung der Workshop-Teilnehmenden: Die Kultur der Informationsbranche insgesamt, insbesondere der Ausbildung, sollte viel stärker zur aktiven Teilnahme an der Fachkommunikation dieser Branche ermutigen. Das Empowerment zur aktiven Teilnahme am digitalen Dialog fehlt uns. AbsolventInnen der Informationswissenschaft, des Bibliotheksmanagements und angrenzender Bereiche werden noch zu oft in den Job geschickt mit dem Eindruck, dass “unsere” Fachmedien unter einer “traditionellen” Verlagsmarke erscheinen müssen, ohne unbedingt gelesen werden zu können; dass Blogs ein modisches Hobby sind, das nicht zählt; dass eine aktive Teilhabe an einer Fachöffentlichkeit also letztlich kaum gewünscht ist. (Heinz Pampel und ich zum Ist-Zustand unserer Fachmedien 2010, der sich seitdem noch weiter verschlechtert hat.)
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[...] anderem ein Thema beim InfoCamp 2012 in Chur. Lambert Heller hat die Erkenntnisse in neun Thesen in seinem Blog Biblionik zusammengefasst. Wenn die Beratung effektiv sein soll, benötigt man danach unter anderem das [...]
Der Artikel stand schon eine Weile in meiner ReadLater Liste: Ich habe die Bibliothek(are) eigentlich nie als Berater für Publikationen wahrgenommen, erlebt oder von Kollegen davon gehört. ich weiß, wenn ich im Univerlag publizieren will, sind die mein Ansprechpartner und in Sachsen auch bei der (Selbst-)Archivierung von Publikationen auf dem OpenAccess-Server Qucosa. Aber inwiefern wissen denn Biliothekare, wo ich denn veröffentlichen sollte? Oder versteht Ihr uner Publikationsberatung etwas völlig anderes?
Anja, danke für dein Nachhaken. Deine Skepsis kan ich gut nachvollziehen, denn nach meiner festen Überzeugung sollten, ja müssen Wissenschaftsautoren selbst entscheiden, wo und wie sie veröffentlichen! Bibliothekarische Publikationsberatung darf und soll dazu nicht im Widerspruch stehen.
Aber schon mit einer Beratung zu OA Repositories wie Qucosa behandelst du normalerweise ein breiteres Thema als die Benutzung von Qucosa selbst. Denn um mit Qucosa die eigene Reichweite zu erhöhen darf der Artikel zuvor nicht unter einem Autorenvertrag veröffentlicht worden sein, der OA ausschließt. Wie und warum es sich lohnt, solche Verträge zu vermeiden, setzt wiederum einen groben Überblick über die Möglichkeiten am Publikationsmarkt voraus.
Nun könnte man sagen: Gut, aber genau auf diese Fragen sollten sich die beteiligten BibliothekarInnen dann auch beschränken. Meine Erfahrung ist nur: Die WissenschaftlerInnen legen auf diese Beschränkung überhaupt keinen Wert, eher im Gegenteil. Unsere bescheidenen Ansätze hier in Hannover, z.B. in Workshops Orientierung über die Publikationslandschaft und ihre Entwicklung zu geben, stoßen regelmäßig auf großes Interesse. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Wir fällen in diesen Workshops nie ein Urteil über die Qualität einzelner Journals — was Qualität ist und wie sie sich in den einzelnen Fächern darstellt müssen, wie gesagt, die WissenschaftlerInnen selbst herausfinden. Wir zeigen Ihnen nur Werkzeuge und Beispiele, die ihnen dabei eventuell helfen. Und genau das ist es, was ich mit Publikationsberatung meine: Einen Service für autonom denkende und publizierende WissenschaftsautorInnen.
AutorInnen haben sicher oft besseres zu tun haben als sich vertieft mit dem wissenschaftlichen Publizieren zu beschäftigen, ihnen geht es eben um die Inhalte. Gleichzeitig ist das Publiziertwerden für sie extrem wichtig, und die Publikationslandschaft wird in immer rascherem Tempo immer komplexer. Daher überrascht es mich nicht, dass ein solche Service von einigen WissenschaftlerInnen dankbar aufgenommen wird.
Last not least: Ich sehe natürlich auch mit der Brille eines Autors und Lesers wissenschaftlicher Publikationen auf das Thema, und muß gestehen, dass ich mir von mehr Aufklärung und Orientierung in diesem Bereich etwas verspreche. Unter dem Irrwitz des Journal Impact Faktor z.B. haben wir in der Wissenschaftskommunikation nur deshalb zu leiden, weil viele WissenschaftsentscheiderInnen, aber eben auch viele WissenschaftlerInnen selbst, immer noch daran glauben — und ich wähle hier bewußt das Wort “glauben”. (Vgl. http://blogs.lse.ac.uk/impactofsocialsciences/2012/08/15/impact-factor-creationism-homeopathy/)