Anders wissenschaftlich Publizieren: Killer App oder Umwälzung?


Warum überhaupt Forschungsergebnisse in peer-reviewed Journals veröffentlichen? – Joe Pickrell, Humangenetik-Doktorand an der Uni Chicago und Ko-Autor des Gruppenblogs Genomes Unzipped, unterzieht das traditionelle wissenschaftliche Journal einer radikalen Kritik:

I (…) argue that cutting journals out of scientific publishing to a large extent would be unconditionally a good thing, and that the only thing keeping this from happening is the absence of a “killer app”.

Pickrell räumt ein, daß das Journal eine wichtige Funktion erfülle. Es filtert unter dem Gesichtspunkten

  • der Qualität,
  • der Interessantheit für eine bestimmte wissenschaftliche Teilcommunity sowie
  • der Nachvollziehbarkeit bzw. Reproduzierbarkeit der behaupteten Ergebnisse

was veröffentlicht wird. Das Mittel der Wahl dafür ist heute der Peer Review.

Pickrell referiert zusammenfassend einige bekannte Kritikpunkte an diesem Verfahren der Qualitätssicherung. Es sei

  • langsam (im Verhältnis dazu, wie schnell im Web publiziert werden kann),
  • aufwändig — die kostenlose Arbeit mehrerer Gutachter_innen sowie organisatorische Tätigkeit fließen ein,
  • im Ergebnis kaum reproduzierbar, ja höchst unzuverlässig (“the correlation in perceived “publishability” of a paper between two groups of reviewers is little better than zero”),
  • sowie stets anfällig für die Bevorzugung dominanter Meinungen bzw. die Benachteiligung origineller neuer Einsichten.

Pickrells Hauptargument: Heute ginge so etwas besser.

Social Networking-Anwendungen zeigen, daß ich mir selbst eine Gruppe vertrauenswürdiger Experten auf einem Themengebiet XY zusammenstellen könne. Sie wirken auf mich wie ein Filter — was wirklich relevant ist erreicht mich durch ihre “Vorsortierung”.

Hinzu kommen Experimente wie die Article-Level Metrics der Public Library of Science (PLoS). Sie weisen Pickrell zufolge in die richtige Richtung: Hier wird nicht vor, sondern nach der Veröffentlichung “gefiltert”. Filterkriterium sind dabei z.B. die Downloadraten der Artikel.

Einziger Haken: Das Filterergebnis der Article-Level Metrics kommt sozusagen immer zu spät. Pickrell schlußfolgert, daß die Zeit reif ist für eine “Killer App”, die effizientes soziales Filtern mit der innovativen Offenheit neuer Publikationsformen zusammenbringt — und daß wenn diese Anwendung erst einmal auftaucht, klar werde, wie überflüssig traditionell organisierte Journals im Webzeitalter überhaupt seien.

Sein Blogartikel kommt tatsächlich zur rechten Zeit. Das zeigt nicht erst die angeregte Diskussion unter dem Blogartikel in Genomes Unzipped.

Der Pharmazie-Professor Peter Murray-Rust hatte z.B. erst in diesem Sommer in seinem Blog eine Serie engagierter Artikel zu diesem Themenkomplex geschrieben. (Ein guter Einstiegspunkt, aus dem ich abschließend zitiere, ist hier.)

Pickrells jugendlicher Optimismus ist Murray-Rust (geboren 1941) offenkundig fremd. Er erwartet keine rasche Auflösung der verknoteten alten Filter durch eine schlagartig auftauchende “Killer App”. Er beharrt vielmehr darauf, daß der Wissenschaftsbetrieb selbst falsch gestrickt ist: Als Selektionsbetrieb, der er ist, sei er fixiert auf irgendwas, womit sich vergleichen läßt, und daß sei derzeit der berühmte Journal Impact Factor.

Murray-Rust postuliert die Frage, die sich heute jede junge Wissenschaftlerin systemnotwendig stellen muß:

Do I publish where it is openly visible or where it advances my career and institutional standings?

Sein Appell:

Reward research which is openly visible and which strives to allow reuse of the research. Do not reward research which is closed.

Ich finde, das ist eine spannende Frage: Bauen wir eine Killer App — oder müssen wir den Wissenschaftsbetrieb umwälzen?

(Abb. lizensiert unter CC-BY-SA, Gideon Burton: Peer Review Monster)

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