Green Road 2.0 – eine leise Revolution von Mendeley und Researchgate?

Zwei kleine europäische Startup-Unternehmen versuchen seit einem Jahr, Selbstarchivierung und Social Networking in jeweils einem Webdienst bzw. einer Literaturverwaltungs-Software zusammenzubringen und intelligent miteinander zu kombinieren. Dabei wird nicht weniger angestrebt als ein Durchbruch zur massenhaften Open-Access-Selbstarchivierung (“Green Road”) sowie neue Wege, Benutzer interessante Publikationen entdecken zu lassen.

“The Green option allows the number of OA articles (not journals) to grow anarchically (…)” (Stevan Harnad)

“Really, it’s our data that needs to be social, not ourselves” (Neil Saunders)

Open Access Repositories (oder Dokumentenserver) werden heute weitgehend als Königsweg der Selbstarchivierung wissenschaftlicher Veröffentlichungen betrachtet. Wer eine wissenschaftliche Arbeit im Web archiviert verfolgt damit meistens die Absicht, daß diese Veröffentlichung möglichst einfach von jedermann gefunden, gelesen oder anders benutzt werden können soll. Das erreicht man mit Repositories grundsätzlich besser als mit dem einfachen Ablegen auf der persönlichen Homepage oder einer Institutswebsite, da der Repository-Betreiber die kontinuierliche Erreichbarkeit des Dokuments gewährleistet und für nützliche Infrastruktur im Hintergrund sorgt. (Der eingangs zitierte und verlinkte Aufsatz von Stevan Harnad führt in das Konzept der Selbstarchivierung, der sogenannten “Green Road” des Open Access, ein.)

Das Problem der Repositories ist bekannt: Sie kommen den Wissenschaftsautoren immer noch zu wenig entgegen. Für den Autoren ist die Selbstarchivierung eine Zweitverwertung, und damit eine zusätzliche Arbeit getrennt von der eigentlich angestrebten Veröffentlichung, z.B. in einer angesehenen Fachzeitschrift. Diese zusätzliche Arbeit mag vielleicht noch gerechtfertigt erscheinen, wenn es in der eigenen Fachdisziplin ein Repository gibt, das tatsächlich im Fokus der Aufmerksamkeit der jeweiligen Fachcommunity liegt. Im Institutional Repository der eigenen Hochschule zu veröffentlichen ist schon weniger naheliegend.

Eine merkwürdige Parallelwelt zu den Open-Access-Infrastrukturen bildet bereits seit einigen Jahren die Sphäre der (meist kommerziellen) sog. Web 2.0-Dienste. So ist z.B. vor und nach Events der bibliothekarischen Community zu beobachten, daß viele Präsentationsfolien bei Slideshare hochgeladen werden, statt auf ein Repository. Das hat verschiedene Gründe: Solche Dienste haben oft bestimmte technische Kniffe, die man bei Repositories nach wie vor vermisst. Z.B. kann man sich per Feed über neue Uploads informieren und Dokumente anderswo einbinden, nicht zuletzt aber auch Social-Networking- sowie Empfehlungs-Funktionen benutzen. Das ist allerdings nichts Neues, darauf ist in den letzten paar Jahren vielmehr immer mal wieder hingewiesen worden.

Allerdings gab es bisher nur Dienste wie Slideshare oder Scribd, die sich nicht explizit an Wissenschaftsautoren richten. Sie wollen auch nicht zur Selbstarchivierung im Sinne von Open Access einladen.

Genau in diesem Bereich jedoch entstehen seit ungefähr einem Jahr neue Angebote. Mit Mendeley und Researchgate sind im Sommer 2008 zwei kleine, kommerzielle Webdienste in Europa entstanden, die — ähnlich wie Slideshare oder Scribd — konzeptionelle Anleihen bei Facebook machen. Aber — anders als Slideshare oder Scribd — sprechen sie Wissenschaftsautoren explizit als Zielgruppe an — und bieten explizit Selbstarchivierung in der Tradition der Green Road von Open Access an.

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Auf der Website von Mendeley heißt es dazu:

Am I allowed to post PDFs of my publications on my Mendeley Web profile page?
Yes, in the vast majority of cases this is not a problem at all. To quote the EPrints Self-Archiving FAQ: […]

Of the nearly 10,000 journals surveyed over 90% are already “green” […]. Many of the remaining 9% “gray” journals will agree if the author asks.

Perhaps the most sensible default strategy of all is the one that the physicists have been successfully practicing since 1991 and computer scientists have been practicing since even earlier: “don’t-ask/don’t-tell”: Simply self-archive your preprint as well as your postprint, and wait to see whether the publisher ever requests removal. [Hervorhebung im Original; LH]

Während Mendeley sich in erster Linie als web-freundliche Literaturverwaltungs-Software versteht, bewirbt Researchgate sehr offensiv die Selbstarchivierung auf der eigenen Plattform. Durch einen automatischen Abgleich der Metadaten selbstarchivierter Dokumente mit der SHERPA/RoMEO-Liste will man sich dabei absichern:

Our publication index, containing meta data for 35 million publications, will be automatically matched with the SHERPA RoMEO (http://www.sherpa.ac.uk/romeo) data set of journal and publisher’s self-archiving agreements. As a result, authors will know which versions of their articles they can legally upload.

Since nine out of ten journals allow self-archiving, this project could give thousands of researchers immediate access to articles that are not yet freely available.

Our Self-Archiving Repository does not infringe on copyrights because each profile page within ResearchGATE is legally considered the personal website of the user (and the majority of journal publishers allow articles to be openly accessible on personal homepages).

Obwohl beide, sowohl Mendeley als auch Researchgate, das Profil des selbstarchivierenden Wissenschaftlers als persönliche Website im Sinne gängiger “Green Road”-Regulierungen verstanden wissen wollen, räumen beide ein, daß dabei ein großer Pool öffentlich zugänglicher Publikationen entstehen soll, und daß gerade hier der erwartete Zusatznutzen liegt.

Zum einen sollen diese Datenpools via gängiger Websuchmaschinen frei anzapfbar sein; über OAI-konforme Zugänge wird (derzeit) noch nichts gesagt. Zum anderen jedoch spielt die Musik bei der eigenen Auswertung der entstehenden Datenpools, und hier wollen die beiden Dienste ihre eigentlichen Stärken ausspielen. Sie wollen es den Benutzern ermöglichen, auf neuartige Weise interessante Publikationen zu entdecken. Damit ist ein Gebrauchswert angesprochen, der in den vergangenen Jahren (glücklicherweise) allmählich auch von den Betreibern öffentlich finanzierter Repositories / OA-infrastrukturen entdeckt wird. (Die Ergebnisse der OA-Vernetzungstage in Stuttgart in diesem Sommer legen davon Zeugnis ab, daß auch in Deutschland diese überfällige Entwicklung in Gang gekommen ist.)

Diese Stärken bei der personalisierten Auswertung und Darbietung der erwarteten Publikations-Datenpools werden von Mendeley und Researchgate unterschiedlich dekliniert:

Mendeley hat Mitbegründer des legendären Web-2.0-Radiodienstes last.fm mit an Bord, und dementsprechend dürfte es hier vor allem um die Entwicklung hochwertiger personalisierter Empfehlungsdienste gehen. Zum Ermitteln der Empfehlungen wird man sowohl die Eigenschaften der zu empfehlenden Objekte (bei last.fm die Musikstücke, bei Mendeley die Wissenschaftspublikationen) als auch Verhaltensweisen und explizite soziale Beziehungen der Leser und Autoren einbeziehen können. Mendeley hat klugerweise zur Kenntnis genommen, daß der vorläufige Sieger im Wettbewerb um das Akkumulieren einer kritischen Masse benutzergenerierter Literaturlisten seit dem letztem Jahr feststeht, und der heißt CiteULike. Statt mit der neuen Plattform nur eine weitere Konkurrenz aufzubauen eröffnet man den Benutzern die Möglichkeit, mit Mendeley auf ihren bei CiteULike vorhandenen (und dort bleibenden) Daten zu arbeiten. In einem Interview, das Martin Fenner mit Mendeley-Co-Entwickler Victor Henning geführt hat, ist mehr über den Modellcharakter von last.fm sowie über das Projekt Mendeley insgesamt zu erfahren.

Bei Researchgate steht die traditionelle Stärke von Social-Networking-Diensten im Vordergrund: Man betont, bereits in kurzer Zeit eine kritische Masse Benutzer erreicht zu haben. Die immer wieder genannte Zahl von 140.000 Benutzern ist allerdings kaum belastbar, da für Außenstehende bisher nicht nachvollziehbar ist, ob das z.B. die Zahl der registrierten Benutzer ist, oder die Zahl derjenigen Benutzer, die sich mindestens einmal im Monat einloggt.

In der Berichterstattung über die neuartigen Selbstarchivierungs-Features fällt oft der Begriff Filesharing. Das weckt Assoziationen an MP3s bei Napster und seinen Nachfolgern — und führt damit gleich in mehrfacher Hinsicht in die Irre. Denn anders als Napster wird hier kein neuer Internet-Dienst etabliert, sondern alles geschieht im Web, kann also z.B. (auch) mit Webbrowsern benutzt und mit Websuchmaschinen gefunden werden. Und zudem teilen die Benutzer hier Dinge, über die sie selbst als Urheber verfügen — und die Diensteanbieter haben gute Aussichten, diese Policy nötigenfalls auch gegen ihre Benutzer durchzusetzen. (Vgl. etwa Mendeleys oben skizzierten automatisierten Abgleich mit SHERPA/RoMEO-Metadaten.)

Es handelt sich hier weniger um “Filesharing für Wissenschaftler” als vielmehr um eine neue Gattung von Webdiensten mit kombinierten Selbstarchivierungs- und Social-Networking-Funktionen. Spannender als die genaue Bezeichnung ist aber die Frage, wie die Wissenschaftsverlage auf diese Webdienstegattung reagieren werden. Es wäre nicht ohne Ironie, wenn das Konzept der Selbtarchivierung hier tatsächlich einen Durchbruch erlebte — und Verlage gerade wegen dieses Erfolg allergisch reagierten, Klagen gegen die Betreiber der Plattform anstrengten o.ä.

Was nun?

Man wird die reale Benutzung der neuen Dienste und deren Folgen beobachten müssen. Grundsätzlich kann man aber auch jetzt schon fragen: Was könnte das neue Konzept dieser kleinen kommerziellen Player für die Strategie der öffentlichen Anbieter von Repositories und anderen Open Access-Infrastrukturdiensten bedeuten? Sollten Repository-Betreiber gemeinschaftlich einen eigenen Social-Networking-Dienst aufbauen? Z.B. um mit der so gewonnenen Marktmacht auf die plattform-übergreifende Interoperabilität der benutzergenerierten Literaturlisten hinzuwirken? Sollte man auch über komplementäre Angebote nachdenken, die sich an die Betreiber von Plattformen wie Researchgate oder Mendeley richten könnten, z.B. im Bereich der digitalen Langzeitarchivierung?

Das Programm der 1. Konstanzer Open-Access-Tage ist leider bereits mit mehr als einem halben Jahr Vorlauf (!) bis in die letzte Minute durchgeplant worden, aber vielleicht findet sich ja am Rande doch eine Gelegenheit, diese wie mir scheint nicht unbedeutende neue Entwicklung zu diskutieren. Nicht jede Idee, die Open Access voranbringt, muß an einer Bibliothek entstehen. Aber gerade deshalb wäre es klug, früh und mit wachem Auge zu beobachten, was im Umfeld der Bibliotheken geschieht, um die eigene Strategie gegebenenfalls zu adaptieren.

In der deutschsprachigen Biblioblogosphäre sind Dienste wie Mendeley oder Researchgate bisher nicht eingehend analysiert oder diskutiert, sondern vereinzelt begrüßt worden. Dazu ein Wort der Kritik. Es ist zwar wichtig, den großen Nutzen und die große neue Selbstverständlichkeit von Diensten wie Facebook zu betonen; in der deutschsprachigen bibliothekarischen Öffentlichkeit wird es noch einige Bibliothekartage und Ausgaben der BUB dauern, bis sich dieses Stück Informationskompetenz verbreitet hat. Zugleich ist aber auch grundsätzliche Skepsis angesichts der Zersplitterung des Engagements der Wissenschaftler auf zahlreich unterschiedliche Plattformen angebracht, die alle versuchen, das — nach außen geschlossene — “Facebook for scientists” zu werden. Nicht das Verhalten der Benutzer von Facebook oder anderen Plattformen ist hier das Problem, sondern die agressiven Strategien einiger Marktteilnehmer. In der bibliothekarischen Öffentlichkeit werden solche Probleme gern als Ausrede benutzt, um zu begründen, daß dieses ganze Web letztlich doch gefährlicher Humbug sei. Dem ist entgegenzuhalten, daß genau diese problematische Marktsituation möglicherweise auch Chancen für konkurrierende oder komplementäre öffentliche Angebote bietet, siehe oben. — Als einführende Lektüre in  die Kritik der Zersplitterung und Abschottung der Social-Networking-Dienste für Wissenschaftler empfehle ich eine Präsentation zum Thema und generell das Weblog des Biochemie-Dozenten Cameron Neylon (University of Southampton).

Zum neuen Selbstarchivierungs-Angebot von Mendeley gibt es übrigens einige aufschlußreiche Diskussionen u.a. bei FriendFeed sowie im Weblog von David Bradley.

7 thoughts on “Green Road 2.0 – eine leise Revolution von Mendeley und Researchgate?

  1. Hallo Lambert,

    danke für den Artikel! Vielleicht eine kleine Ergänzung zum Thema CiteULike und Mendeley: In der Tat sehen wir uns nicht als Konkurrenz, da CiteULike sich primär als Social Bookmarking Service versteht und wir uns als umfassendes, desktop- und web-basiertes Research Workflow Tool.

    Da wir die Artikelsammlungen unserer Nutzer indexieren, wächst die kritische Masse der benutzergenerierten Literaturlisten bei uns allerdings weitaus schneller: CiteULike hat in den letzten drei Jahren knapp über 3 Millionen Artikel akkumulieren können – Mendeley dagegen in den letzten 8 Monaten über 4.5 Millionen (wenn man die Referenzen mitzählt, die wir aus PDFs extrahieren, sind es sogar weit über 95 Millionen). Die Größe unserer Datenbank verdoppelt sich zudem ca. alle 8-10 Wochen.

    Beste Grüße aus London!
    Victor

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