Vom anonymen Objekte-Orakel zum persönlichen sozialen Suchraum
Der neue personalisierte soziale Suchraum von delicious erinnert daran, daß die Zukunft der Websuche nicht nur in der Objektivierung durch anonymes Ergebnis-Ranking, automatisiertes Empfehlen und semantische Verknüpfungen liegt, sondern auch im Web als einem sozialen Werkzeug in der Hand seiner Benutzer.
Nach dem Redesign des Social-Bookmarking-Dienstes del.icio.us (jetzt: delicious.com) sind die eigenen Bookmarks sowie die des persönlichen Netzwerks separat von der Gesamtheit alles Bookmarks durchsuchbar.
Warum jedoch sollten sich Internet-Benutzer die Mühe machen, ein Netzwerk aufzubauen und gezielt darin zu suchen? Sind Einfachheit und Usability, verkörpert in einem einzigen Suchschlitz, sowie in der gut funktionierenden Relevanz-Beurteilung bei Google oder dem Empfehlungs-Mechanismus bei Amazon, nicht das Maß aller Dinge?
Nein, keineswegs. Wir alle verbringen einen großen Teil unserer Zeit und Aufmerksamkeit mit dem Aufbauen, Pflegen und Benutzen sozialer Kontakte. Die Bedeutung des Mediums Internet stieg (und steigt weiter) zusammen mit seiner Brauchbarkeit als Instrument für eben jenes Aufbauen, Pflegen und Benutzen sozialer Kontakte.
Google und Amazon scheinen das Internet in eine anonyme Gesamtintelligenz zu verwandeln. Wir sollen nicht mehr wissen müssen, wessen Hyperlink oder wessen Kaufentscheidung zum hohen Pagerank bzw. zur personalisierten Kaufempfehlung geführt haben. Google bzw. Amazon haben immer schon nachgezählt, uns “die Arbeit abgenommen”, und präsentieren das Ergebnis auf einer scheinbar übersichtlichen, eindimensionalen Skala.
(Zur Abbildung: Auch die Shared Items des persönlichen Netzwerks im englischsprachigen Google Reader sind bereits separat durchsuchbar.)
Die Wahrheit ist aber komplizierter. Kein Link und keine Kaufentscheidung ist wie die andere — vor allem wollen wir sehen, wer jeweils dahinter steckt.
Wir wollen unsere Freundschaften und Bekanntschaften aus der realen Welt möglichst online wiederfinden.
Wir wollen durch neugierige Blicke auf unbekannte Benutzerprofile und soziale Vernetzungs-Diagramme herausfinden, ob es sich lohnt, jemandes Entscheidungen genauer zu betrachten.
Wir wollen uns mit anderen vergleichen, Gemeinsamkeiten und Unterscheide entdecken, und freuen uns besonders, wenn wir Gemeinsamkeiten entdecken, die so stark sind, daß sie einen gewissen Grad von Abstraktion in der Kommunikation erlauben. Um solche Momente virtueller Gemeinschaftlichkeit drehen sich Social-Bookmarking-Dienste, und auch die schillernden neuen Lifestreaming-Dienste wie FriendFeed.
Oft wir suggeriert, die Zukunft des Retrievals im Web könne nur darin bestehen, inhaltliche Zusammenhänge zwischen Informationsobjekten auszudrücken und abfragbar zu machen — das Semantic Web. In der Tat liegt darin ein Potential, das über die Eindimensionalität gewichteter Sichwort-Suchergebnislisten weit hinaus geht.
Doch die Fokussierung auf Informationsobjekte läßt leicht vergessen, daß es Individuen sind, die diese Informationsobjekte miteinander teilen wollen. Wir brauchen daher personalisierte soziale Suchwerkzeuge, wie Google und Yahoo sie nun allmählich anzubieten beginnen.
Und damit einhergehend brauchen wir Werkzeuge, mit denen einzelne Web-Benutzer und ihre Communities die immer stärker modularisierten Suchräume bedarfsgerecht wieder zusammenführen können.
Der Suchraum von morgen ist nicht mehr das steinerne Orakel einer scheinbar allumfassenden Websuche, sondern sieht eher aus wie eine Explosion im Kinderzimmer, nach der man jedes einzelne Lego-Bausteinchen wieder aufsammelt und alles so zusammensteckt, wie man es gerade braucht. Delicious-Anbieter Yahoo hat mit BOSS (Build your Own Search Service) soeben ein Werkzeug dieser Art veröffentlicht.
Last not least: Das Semantic Web wird überhaupt nicht sein, wenn es nicht zugleich auch ein Social Web ist. Mit “dem Sozialen” meine ich die Mühelosigkeit und den egoistischen Nutzen beim Herstellen neuer Links, seien das nun simple Bookmarks oder ausgefeilte semantische Ausdrücke. Erst dieses soziale Element läßt die erforderliche kritische Masse semantischer Verknüpfungen entstehen.
Das läßt sich nicht nur an Wikipedia und LibraryThing beobachten. Mindestens ebenso aussagekräftig ist, daß selbst eine Nachrichtenagentur wie Reuters eine Semantic Web-Strategie verfolgt, indem sie ihre Dienste und Daten nach außen stülpt und versucht, all dies für Webbenutzer möglichst bequem anwendbar und nützlich zu machen.
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Auch Google bietet schon seit längerem eine “persönliche” Suche: indem in das Ranking die Suchhistorie des Nutzers einbezogen wird. Daher können zwei Personen für dieselbe Suchanfrage bei Google unterschiedliche Ergebnisse bekommen. Allerdings hat Google das unbemerkt getan, also nicht transparent.
Was denken Sie denn über den Typ von Suchanfragen, der über das persönliche Netzwerk besser beantwortet werden könnte als durch eine Google-Suche?
[...] Persönlicher sozialer Suchraum Gespeichert unter: Rund um Internet und Technik — oebib @ 8:18 Tags: soziale Suche, Web 2.0 Einen Beleg für die These „dass die Zukunft der Websuche nicht nur in der Objektivierung durch anonymes Ergebnis-Ranking, automatisiertes Empfehlen und semantische Verknüpfungen liegt, sondern auch im Web als einem sozialen Werkzeug in der Hand seiner Benutzer“ sieht Lambert Heller im „personalisierten sozialen Suchraum“ des Lesezeichendienstes Delicious. Die ausführliche Argumentation und weitere Informationen sind in seinem Weblog „Biblionik“ zu finden: http://biblionik.de/2008/08/04/sozialer-suchraum/ [...]