Googles Knol – keine Konkurrenz für die Wikipedia
Googles neue Publikationsplattform Knol wurde bereits vor einem halben Jahr angekündigt und ist nun freigeschaltet worden.
Vielleicht haben Danny Sullivan, Torsten Kleinz und andere recht, und Google muß allein schon deshalb einen solchen Versuchsballon starten, weil Konkurrenten wie Yahoo mit Answers bereits eigene Produkte auf dem Markt “Wissensplattformen mit User Generated Content als Anzeigenumfeld” platziert haben.
Ein interessantes Nebenprodukt von Knol ist zwar die Idee eines Quasi-Wikis, in dem der ursprüngliche Autor die Kontrolle über seinen Artikel behält und optional Kollaboration erlauben kann. Warum auch ein solches innovatives Moment Knol nicht zu einem Renner machen wird, will ich — gestützt auf die Vorarbeiten einiger anderer Blog-Autoren — in diesem Beitrag kurz erläutern.
Knol soll nicht irgendwie “besser” sein als die Wikipedia, sondern soll Angeboten wie der Wikipedia Marktanteile entreissen – so fasst George Siemens treffend zusammen, was an Knol wichtig ist:
With up to 30% of Google/Yahoo searches returning links to Wikipedia, Google sees an enormous non-adsensed space. The traffic of Wikipedia makes ad providers salivate. To combat this untapped market, Google opted to create a service called Knol (…)
Und er macht auf den entscheidenden Unterschied in der Gestaltung von Wikipedia und Knol aufmerksam: Bei Knol kann es mehrere Artikel zu einem Thema geben — und jeder Artikel gehört seinem Autoren.
Anyone can create a knol and invite others to contribute. If several people decide to write a knol on elearning, both are allowed to exist. The community can vote and rate article quality.
(…) Google is essentially stating that individual ownership of articles is important.
Google hat bei Knol also die individuelle Autorschaft in den Mittelpunkt gerückt. Dave Snowden sieht in dieser spezifischen “Abmischung” von Wiki-Freiheit und autorieller Kontrolle auf der Knol-Plattform gar eine wichtige Einsicht neuerer Wissensmanagement-Ansätze eingeholt.
In meinen Augen relativiert sich diese Neuheit allerdings daran, daß sich auch handelsübliche Wiki-Software entsprechend konfigurieren und benutzen läßt: Man kann den “Gründer” jedes neuen Artikels festlegen lassen, ob und welche anderen Benutzer an dem Artikel mitschreiben dürfen, oder ob generell nur Kommentare erlaubt sind. Art und Ausmaß des Erfolgs von Knol sollten allerdings beobachtet werden, um zu erkennen, zu welchen Anwendungsfällen solche Wiki-Konfigurationen möglicherweise passen.
Allerdings steht neben der inhaltlichen Kontrolle des Autors über seinen Knol-Artikel und ggf. einen Anteil der Werbeeinnahmen auch noch die Kontrolle Googles über die wertvollen Traffic-Daten, wie Richard Akerman betont.
Patrick Danowski eröffnet einen weiteren interessanten Gesichtspunkt: Der gesamte Inhalt des Wikipedia-Projekts steht unter einer freien Lizenz — wer mitmacht, läßt sich automatisch darauf ein.
Knol hingegen interpretiert Offenheit rein technisch. Den Autoren wird es zwar leicht gemacht, per Mausklick eine freie Lizenz zu wählen, aber es können auch alle Rechte vorbehalten werden. Insofern sind die Informationen in Knol zwar lesbar, jedoch nur sehr bedingt vorbereitet auf neuartige semantische Erschließungsstrategien, wie sie bei der (von Patrick beispielhaft angeführten) DBpedia umgesetzt werden.
Christian Hauschke sieht in Knol denn auch einen Testfall für die Motivation derjenigen, die den “Content generieren”.
Eines steht fest: Google manifestiert mit Knol sein massives Interesse an allen Segmenten des wachsenden Web-Anzeigenmarkts. Der umkämpfte Anzeigen-Traffic kann nicht nur durch Suchmaschinen generiert werden — suchmaschinen-zugänglichen “Content” benötigt man leider auch noch.
Man kann dazu Bücher scannen — dann liefern Bibliotheken den Content, und Google setzt die Bedingungen, unter denen die Digitalisate anschließend “ein bißchen frei”1 zugänglich sind.
Oder man kann Inhalte von Benutzern erschaffen lassen, und Google überläßt es immerhin den Benutzern, wie frei sie ihren Content zugänglich machen wollen.
In beiden Fällen behält Google jedoch die volle Kontrolle über die Infrastruktur der Informationsbereitstellung. Und gibt den Benutzern, anders als die Wikipedia-Community, Automattic (Wordpress.com) oder auch Connotea, nicht einmal eine installierbare Open-Source-Version von Knol in die Hand, mit der jederzeit Forks realisierbar wären.
Mit anderen Worten: Die Zwecke von Knol sind allzu sehr Googles Zwecke. Ich kann mir daher kaum vorstellen, daß hier etwas ähnliches wie die Wikipedia entsteht.
- Alle kooperierenden Bibliotheken scheinen Google vertraglich das Exklusivrecht an der kommerziellen Volltextindexierung zugesichert zu haben. [↩]



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