Multiple Katalog-Anreicherung, das Sortieren in Blogs und die SWD 2.0 – Bericht von der GfKl-Tagung in Hamburg
Hier mein höchst selektiver Bericht vom bibliothekarischen Workshop der GfKl-Tagung vergangene Woche (vgl. die Ankündigung im letzten Beitrag).
Der Bericht handelt von
- Kataloganreicherung auf vielen Wegen und aus vielen Quellen,
- dem Problem “zu vieler, überflüssiger Informationen aus Webmedien”, und wie man es mit Hilfe des Web 2.0 und seinen Communities löst,
- der Notwendigkeit einer Schlagwortnormdatei 2.0,
- der Verwandlung von Schlagwortnormdaten und Verschlagwortungs-Regeln in bessere Benutzeroberflächen für das Tagging sowie
- beispielhaften Schritten einer kleinen Unibibliothek auf dem Weg zur Bibliothek 2.0.
1. Ein Publikums-Feedback zu meinem Vortrag: Irmgard Siebert wies darauf hin, daß nicht nur intermediäre Akteure, sondern auch die Autoren der katalogisierten Werke de facto Sacherschließungsdaten zu Bibliothekskatalogen beisteuern — denn Katalogbenutzer finden per Stichwortsuche auch Worte aus dem Buchtitel, aus gescannten Inhaltsverzeichnissen etc.
Diese kleine Korrektur (der Folie 6 meiner Präsentation) spiegelt sehr gut wieder, welche thematischen Schwerpunkte der diesjährige bibliothekarische Workshop der GFKL-Jahrestagung hatte: Neben dem angekündigten Schwerpunkt DDC ging es immer wieder um Tagging und um die nachträgliche Anreicherung von Katalogdaten auf unterschiedlichen Wegen. Manfred Hauer (im Publikum anwesend und mitdiskutierend) und Irmgard Siebert betonten, daß die verschiedenen Wege der Anreicherung sich nicht ausschließen.
2. Weiteres Feedback zu meinem Vortrag. Walther Umstätter, Bernd Lorenz und andere brachten zum Thema Blogs ein Thema auf, das schon auf dem vergangenen Bibliothekartag diskutiert worden war: Mit Blogs und blog-artigen Webanwendungen werde zu viel Belangloses produziert; es müsse gefiltert werden, was davon gesammelt wird.
Das ist ein Punkt, den ich nie ganz verstanden habe. Das Argument kann ja jedenfalls nicht sein, daß das Gebloggte “zu viel Platz” wegnehme. Die Preise für Speicher und Bandbreite im Netz fallen wie Steine, und Blogs und blog-artige Medien sind vorwiegend textueller Art. Um das einmal mit konkreten Daten zu illustrieren: Laut Edlef Stabenau nehmen die knapp 20.000 Beiträge des netbib weblogs in dessen Datenbank ca. 100 Megabyte ein; die textuelle Information aus diesem verhältnismäßig riesengroßen Weblog paßt demzufolge sieben mal auf eine CD. (Danke fürs Nachschauen, Edlef!)
Das etwas näher liegende Argument könnte lauten: “Die belangreichen Inhalte auszuwählen und zu erschließen ist zu aufwendig.” Dieses Argument ist richtig – aber nur unter der Voraussetzung der traditionellen Arbeitsteilung zwischen Urhebern und Bibliothekaren. Diese jedoch muß und wird durch das Internet revolutioniert werden. David Weinberger hat das in seinem letzten Buch (vermutlich nicht als erster) ausformuliert. Die Informations-Ordnung “3. Ordnung” beruhe demzufolge darauf, einmal veröffentlichte Informationen stets, und so vollständig wie möglich, im Netz aufzubewahren. Die neue Technik mache es immer einfacher und immer naheliegender, das Sortieren und Gewichten “nach hinten zu verschieben”.
Wie so ein gemeinschaftliches, vernetztes Sortieren aussehen könnte, habe ich — für das sehr wichtige, da beispielhafte Feld der Weblogs — in meinem Vortrag skizziert. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die “communities of blogging practices”, die (Blog-Forschern wir Jan Schmidt zufolge) entscheidend dafür sind, daß und wie gebloggt wird. Meine These: Diese Communities entwickeln spontan quasi-bibliothekarische Funktionen, und auch die in der Technik der Blogs verkörperten Konzepte, wie beispielsweise Feeds und Tagging, sind “bibliotheks-analog”.
3. In einer anderen Frage bestand offenbar breite Übereinstimmung zwischen Vortragendem und Publikum: Das Geschäftsmodell der — von Nationalbibliothek und den Bibliotheksverbünden verwalteten — Schlagwortnormdatei (SWD) ist hoffnungslos veraltet. Wenn sie im Web-Zeitalter weiterleben soll, müßte sie explizit unter eine freie Lizenz gestellt und als Webservice dort verfügbar gemacht werden, wo verschlagwortet wird, also in Social-Bookmarking-Diensten, Weblogs, Content-Management-Systemen etc. Es müßte zumindest durch eine vielseitige, gut dokumentierte API und einige Beispiel-Implementationen gezeigt werden, wie eine solche “SWD 2.0″ von den Web-Communities nachgenutzt werden kann.
4. In diesem Zusammenhang war der Vortrag von Claudia Gratz, HdM Stuttgart, besonders anregend. Sie skizzierte, wie in der Praxis der Dokumentenserver-Software OPUS die neue Rolle von “Autoren und Lesern als Schlagwortgebern” aussieht. In Ihrer anschaulichen Präsentation machte sie deutlich, daß die Gestaltung der Eingabemöglichkeiten von Schlagworten seitens der Autoren widersprüchlich ist: Einerseits scheint das Verschlagworten hier bereits zur Aufgabe von “Laien”, den Autoren, geworden zu sein. Andererseits “scheitern” die Autoren regelmäßig an der vorgesehenen Eingabe, weil de facto ein bibliothekarisches Expertenwissen vorausgesetzt wird — um überhaupt nach normierten Schlagwörten suchen zu wollen und diese dann auch zu finden.

Dabei können heute Vorschläge aus kontrollierten Vokabularen automatisch vorgeschlagen und sehr einfach übernommen werden. Selbst Konzepte wie das des “engen Schlagworts” können im Design der Benutzeroberfläche abgebildet und dem Benutzer “ohne Worte” eröffnet werden. Dies ist auf einen Blick erkennbar, wenn man sich beispielsweise näher anschaut, was Sarah Hayman für das australische E-Learning Portal MyEdna entwickelt hat. (Vgl. Abbildung)
5. Abschließend muß ich noch die hochinteressante Führung durch die Bibliothek unseres Gastgebers, der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg, loben. Der stellvertretende Bibliotheksleiter Werner R. Tannhof hat gezeigt, wie man sich auch als verhältnismäßig kleine Unibibliothek konsequent zur “Bibliothek 2.0″ entwickeln kann. Einiges kann man natürlich, gerade in Hamburg sowie als Bibliothek im GBV, gemeinsam mit anderen Bibliotheken unternehmen. Aber auch die Entwicklung vor Ort hat viele Facetten. So soll der Lesesaal der Hauptbibliothek von Regalen voller bibliographischer Literatur, die von den Benutzern längst nicht mehr verwendet wird, befreit und in ein Learning Resource Center für Notebook-Nomaden umgewandelt werden; die Bibliotheksauskunft soll künftig auch über Skype, MSN und andere populäre Kommunikations-Netzwerke angesprochen werden können. Man darf gespannt verfolgen, was in den nächsten Jahren an der HSU-Bibliothek passieren wird.
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Weiteres Feedback zu meinem Vortrag. Walther Umstätter, Bernd Lorenz und andere brachten zum Thema Blogs ein Thema auf, das schon auf dem vergangenen Bibliothekartag diskutiert worden war: Mit Blogs und blog-artigen Webanwendungen werde zu viel Belangloses produziert; es müsse gefiltert werden, was davon gesammelt wird.
“Das ist ein Punkt, den ich nie ganz verstanden habe. Das Argument kann ja jedenfalls nicht sein, daß das Gebloggte “zu viel Platz” wegnehme. Die Preise für Speicher und Bandbreite im Netz fallen wie Steine, und Blogs und blog-artige Medien sind vorwiegend textueller Art. Um das einmal mit konkreten Daten zu illustrieren: Laut Edlef Stabenau nehmen die knapp 20.000 Beiträge des netbib weblogs in dessen Datenbank ca. 100 Megabyte ein; die textuelle Information aus diesem verhältnismäßig riesengroßen Weblog paßt demzufolge sieben mal auf eine CD. (Danke fürs Nachschauen, Edlef!)” Ich habe auch an dieser Veranstaltung teilgenommen, es ging kaum um Die Frage des benötigten “Platz” vielmehr um die Qauntität der Beiträge: wer soll bestimmen welche Beiträge erfasst werden sollen? Um dies in die Praxis zu führen: wie hält es denn die TIB mit Blpg-Beiträgen? Werden schon welche formal und inhaltlich erfasst?
Alles zu sammeln mag vielleicht möglich sein. Aber wollen wir wirklich alles aufheben? Oder drückt sich hier nur die Unlust aus, Kriterien zu definieren?
Natürlich kann man darüber streiten, dass man jetzt nicht wissen könne, was zukünftige Generationen an “historischen Dokumenten” interessiert, als die Weblogs in Zukunft auch mal gelten mögen. Aber daraus folgt ja nicht, dass man alles aufheben sollte.
Natürlich gibt es professionelle, semiprofessionelle und sonstige mehr oder weniger gut geschriebene Weblogs. Und das ganze belanglose Zeug, plus die zigtausend “Ich habe auch ein Weblog – aber keine Einträge außer dem ersten”-Blogs. Alles aufheben? (Bin Ihrer Meinung, dass die Erschließung kein wichtiges Thema ist: Metadaten legen die Benutzer genug selbst an.)
Was die SWD angeht und den OPAC: bin Ihrer Meinung.
@Rainer Stimmt, es ging kaum um die Frage des Platzes, und was zum Sortieren nach inhaltlichen Kriterien gesagt wurde habe ich dann ja auch im obigen Beitrag festgehalten. Ich habe das “Massen-Argument” noch einmal explizit angeführt und kritisiert, weil es in dieser Diskussion oft mitschwingt. Was meinen eigenen Arbeitgeber, die TIB/UB Hannover, anbelangt: Nein, die erschließt noch keine Blogs – aber was nicht ist, kann ja noch werden.
@jge Der Witz ist: Das Aussortieren der “Ich habe auch ein Weblog”-Weblogs übernehmen die Communities bereits selbst. Ein solches Weblog wird nicht seinen Weg in die diversen Communitity-Aggregatoren finden, und seine Beiträge werden auch nicht von ein paar Lesern gebookmarkt, um sie später leichter wiederfinden zu können.
Interessantes Negativbeispiel ist derzeit die Google-Blogsuche, die offenbar redaktionell extrem vernachlässigt wird. Sie schafft es kaum, regelrechte Spam-Blogs zu erkennen.
Ich habe eine Frage zu Deinem 3. Punkt. Ich verstehe den Sinn einer Schlagwortnormdatei 2.0 ehrlich gesagt nicht. Gerade in der Vielfalt der verwendeten Begriffe, die User_innen zum Erfassen ihrer Informationen benutzen, liegt der Reiz und der Gewinn des Web2.0 und auch die Chancen einer umfassenderen Erschließung.
Mich hat es bereits auf dem Bibliothekar_innentag gewundert, dass von einigen Bibliothekar_innen angedacht wird ein Denken und auch die normierten und hierarchisierten Mittel der zweiten Ordnung der Ordnung in die dritte Ordnung der Ordnung (siehe auch Weinberger) zu überführen.
Ich persönlich schätze gerade die Freiheit der Begriffe, die ich für meine Tags verwenden kann. Hier kann ich ohne längere und mühsame Diskussionen z.B. geschlechtergerecht “verschlagworten”, wie ich möchte, um nur ein Beispiel aufzuzeigen.
Eine Normierung von Tags halte ich persönlich, für ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen.
Ich kann in diesem Zusammenhang eigentlich immer wieder nur auf das verweisen, was Ellyssa Kroski über das Tagging geschrieben hat: Diese beiden “Welten” schließen sich überhaupt nicht aus – im Gegenteil, richtig spannend und produktiv wird es, wenn beide zusammtreffen! Und die Entwicklung zum “Semantic Web” verleiht dem traditionell bibliothekarischen Gedanken der Sacherschließung eine neue Aktualität – es wäre schade, diese Entwicklung zu übersehen. Wenn die DNB das längst fällige “Upgrade” der SWD schaffen sollte, dann wird ihr die Benutzercommunity wie von selbst im Gegenzug wichtige Informationen zur Pflege und Weiterentwicklung der SWD liefern, weil erst dann z.B. die Differenz zwischen SWD und den fehlenden “bedarfsgerechten” Schlagworten exakt sicht- und meßbar werden wird.
Und noch zu deinem Argument der Mühelosigkeit: Es ist in meinen Augen die Pflicht und Schuldigkeit der DNB, den Informationsschatz der SWD endlich zu heben, indem sie nicht zuletzt für diese Mühelosgkeit seiner Anwendung sorgt.