Ordnung im Blog – Praktiken des Bloggens

Unter diesem, vielleicht etwas merkwürdig anmutenden, Titel halte ich morgen eine Präsentation im bibliothekarischen Workshop der Jahrestagung der Gesellschaft für Klassifikation (GFKL). Zwei oder drei Gedanken, die ich dort ausführen möchte:

  1. Durch viele, für sich genommen “kleine”, “gewöhnliche” Techniken und Verhaltensweisen wie gegenseitiger Verlinkung, Blogrolls und Blog-Kommentaren, passieren “im Großen” interessante Dinge. (Stichwort “Emergenz”) Es entstehen vor allem lose geknüpfte Communities von Bloggern, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen, voneinander lernen, und die nach außen als gemeinschaftliche Produktionsstätte neuer Ideen sichtbar werden. Oder auch als “kollaborativer Filter”, der aus der Menge neuer Informationen das Relevante herausfischt, synthetisiert, und in einen Zusammenhang mit dem bereits Bekannten stellt. (Und natürlich, völlig untrennbar von den Funktionen “Produktionsstätte” und “Filter”, auch als selbstbezüglicher, narzistischer , vereinsmeierischer Kaffeeklatsch von nahezu unbegrenzter zeitlicher Ausdehnung.)
  2. Nebenbemerkung, wird im Vortrag nicht vorkommen: Heute wird gerne darüber spekuliert, inwiefern “kollaboratives Filtern” durch Blogs und Social Bookmarking funktional äquivalent sind zum Peer Review, wie er bei wissenschaftlichen Journals üblich ist. Solche Analogien brauchen wir, um uns etwas Neues zu veranschaulichen. Aber die Qualitäten des Neuen können auch ganz woanders liegen, und deswegen sollte man derartige Vergleiche nicht überbewerten. Man hätte vor der Popularisierung des Internets, die den revolutionären Charakter des neuen Mediums so offensichtlich machte, das Internet-Protokoll mit dem Telefax vergleichen können, und man hätte sich fragen können, ob das Internet wohl jemals dazu in der Lage sein werde, vollständig das Fax zu ersetzen. Telefax-Geräte gibt es heute immer noch – aber alle sind sich darüber einig, daß das Internet eine besondere, eigene Qualität in ganz anderen Bereichen hat, und daher die Frage nach der Ablösung des Telefax irrelevant geworden ist.
  3. Das “Filtern” läßt sich auch bibliothekarisch formulieren: Blog-Autoren und ihre Communities sammeln und erschließen Informationen, und machen sie immer wieder in neuer Form verfügbar und benutzbar. Wie in einem Labor lassen Weblogs (und inzwischen viele andere blog-artige Medien) erkennen, wie sich der Umgang mit Informationen durch das Web insgesamt verändern könnte. Die Rolle intermediärer Akteure wie der Bibliothekare müßte sich demnach radikal verändern. Eine neue bibliothekarische Aufgabe könnte darin bestehen, Communities bei deren jeweiliger Wissensorganisation zu unterstützen. Beispielsweise durch dezentral verfügbare Tools, durch Erfahrung und Rat mit der Anwendung auf bestimmte Informationstypen oder einen bestimmten Informationsbedarf. Besonders interessant und komplex wird es an den Rändern der Communities: Wie macht man man das organisierte Wissen einer Community für Außenstehende effektiv sichtbar und benutzbar? Und wer aggregiert die Community-Aggregatoren?

9 Responses to “Ordnung im Blog – Praktiken des Bloggens”

  1. Der Inhalt deines Vortragsthemas überflügelt den Titel des Posts bei weitem. Besonders interessant finde ich die Verknüpfung von bloggen + neuer Aufgabe + Bibliothekar_innen. Das trifft es irgendwie so gut: denn Raushalten ist nach deinem letzten Post ja auch keine Alternative mehr. Pow.

  2. Immer die Rede von “Informationen”. Welcher Art sind die “Informationen”, die auf “neue Art” nutzbar werden? Wäre es nicht zutreffend festzustellen, dass für eine ganze Reihe von Informationsarten das Blog oder eine Bloggruppe eine eher schlechte Brutstätte ist, aber das gerade Ideen dort reifen können. Auch faktische Informationen sind von eher begrenztem Wert: Liveblogging über Fußball z.B. würde ich nicht lesen.

  3. Lieber Herr Eberhardt, vielen Dank für den Hinweis! Aber ich möchte das doch noch einmal relativieren: Dieses informelle, rasche, und manchmal gesprächsartige Publizieren eignet sich auf jeden Fall als Brutstätte neuer Ideen, da sind wir uns einig. Der informelle Charakter erlaubt es aber eben auch, ganz anders zu publizieren. Ich kann z.B. Primärdaten aus meiner laufenden wissenschaftlichen Arbeit bloggen, denn relevante Größenbeschränkung, redaktionelle Kritierien von Dritten o.ä. gibt es ja nicht. Bora Zivkovic hat in seinem Blog diese Bandbreite, wie ich finde, sehr schön dargestellt, vgl. http://sciencepolitics.blogspot.com/2006/04/publishing-hypotheses-and-data-on-blog.html
    Übrigens, bei dieser Gelegenheit: Vielen Dank für die fällige Kritik an Herrn Jochum in BuB!

  4. Danke für die Blumen (Jochum) — Beitrag ist auch online zu lesen: http://www.opus.ub.uni-erlangen.de/opus/volltexte/2008/1000/ — und Ihre Antwort. Die Frage nach den Informationen habe ich ja eher im Zusammenhang der von Ihnen aufgeführten bibliothekarischen Rolle gestellt, d.h. Sie schrieben als dritter Punkt: Blogs sammeln und erschließen Informationen, und sie schreiben weiter unten dann noch vom “Umgang mit Informationen insgesamt”. Aber Informationen wiederkäuen ist ja nicht dasselbe wie ausbrüten. Mir sind einige philosophische Blogs bekannt (leider kein deutsches), die in der Tat gerade die Ideen oder Gedanken vorstellen, womit die Autorinnen und Autoren sich beschäftigen, und die Kommentare führen dann zu einem ersten peer reviewing der Argumente. Tolle Sache: aber das Gegenteil von der bibliothekarischen Blogfunktion. Mich überzeugt also Ihr 3. Punkt nicht recht.

  5. Vielleicht ein Mißverständnis? Um “bibliothekarische Blogs” im Sinne von Blogs, die von Bibliothekaren oder von Bibliotheken geschrieben werden, ging es mir hier überhaupt nicht. Mir geht es um das Phänomen, daß sich, wie von Ihnen beispielhaft für die Philosophie angeführt, Wissensproduktion und -vermittlung der Wissenschaftler und Fachleute in Weblogs verlagert!
    Bibliotheken könnten und sollten aktiv werden, um diese Inhalte zu sammeln, zu erschließen, in neuen Formen benutzbar zu machen. Dazu brauchen sie selbstverständlich kein “bibliothekarisches Blog” o.ä., sondern z.B. öffentliche RSS-Aggregatoren. Das war es, was ich im obigen Beitrag z.B. mit “Aggregieren der Community-Aggregatoren” meinte.

  6. Ja, sicher ein Missverständnis, aber wohl woanders. “Blogs sammeln und erschließen Informationen”: das nenne ich eine “bibliothekarische Funktion von Blogs”, die natürlich in jedem Wissenschaftsbereich und nicht von Bibliothekaren wahrgenommen werden kann. Finde ich nützlich. Ist aber im wesentlichen dann eine Weiterleitung.
    Und dann gibts, idealtypisch, Blogs, in denen Erkenntnisse “produziert” werden, die also für sich selbst stehen.

    Wenn ich mich jetzt frage, bei welchem Typ die bibliothekarische Arbeit daran lohnt (Sammeln, erschließen), würde ich sagen: in erster Linie die zweite.

  7. Gut, Mißverständnis beseitigt.
    Dieses “Sammeln und Erschließen in Blogs” ist in meinen Augen mehr als nur eine Weiterleitung. Zumindest in dem Sinne, in dem man ja auch einer Vorlesung, einem Lehrgespräch, oder aber auch einer Bibliographie meistens zugestehen würde, daß sie mehr sind als Weiterleitungen.
    Ich halte die Definition von “Real Blogging”, die der E-Learning-Blogger Will Richardson 2004 vorgeschlagen hat, für durchaus erwägenswert: “Links with analysis and synthesis that articulates a deeper understanding or relationship to the content being linked and written with potential audience response in mind.” – Nach dieser Definition wären “richtige” Blogs kaum mehr als Bibliographien des Webs. In meinen Augen wären sie schon in dieser Rolle großartig, denn das Web ist auf eine derartige großflächige, vernetzte Erschließung vielleicht stärker angewiesen als jedes andere Medium zuvor.

  8. [...] Heller schrieb im Weblog Biblionik einen Eintrag mit dem Titel “Ordnung im Blog – Praktiken des Bloggens” zur veränderten Rolle von Bibliothekar_innen: Die Rolle intermediärer Akteure wie der [...]

  9. [...] für die feministische blogosphäre durch den großartigen biblioblog 2.0 und dem blogeintrag “Ordnung im Blog – Praktiken des Bloggens” von lambert heller, der unter anderem ausführt: Die Rolle intermediärer Akteure wie der [...]

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